

Leben und Werk Theophil Edvard Freiherr von Hansens
Ehrenbürger der Stadt Wien, Erfinder des Wiener Stils. Theophil Hansen hat an der Ringstrasse mit seinen Palais Neorenaissance in Reinkultur erschaffen. Und gab mit seinem klassizistischen Parlament der Österreichischen Republik das demokratische Gesicht.

Eine „klassische“ Bildungsreise von Kopenhagen nach Athen
Am 13.Juli 1813 wurde Theophil Edvard Hansen als eines von sechs Kindern des Violinisten und Versicherungsangestellten Rasmus Hansen Braathen mit Sophie Elisabeth Jensen in Kopenhagen geboren. In seiner Heimatstadt, dem „Athen des Nordens“, wurde er als Meisterschüler des aus Stuttgart stammenden Akademielehrers Friedrich Hetsch ausgebildet. Doch dieser konnte den talentierte Hansen nicht auf Dauer in Kopenhagen halten. Ein Reisestipendium führte den jungen Architekten nach Berlin, wo er bei Karl Friedrich Schinkel, dem Bauherrn des preußischen Klassizismus, in die Lehre ging, und schließlich nach München.
Die hellenische Aufgabe
Hier erreichte ihn der Lockruf seines Bruders Christian aus Griechenland, der schon zur europäischen Künstlerkolonie Athens gehörte. Die war von Ludwig I. von Bayern nach Griechenland entsandt worden. Im Oktober 1838 begann Theophil Hansen, gerade einmal 25 Jahre alt, mit seiner Arbeit an der aufsteigenden Metropole.
Doch Hansen kam nicht nur, um „Eulen nach Athen“ zu tragen, sondern auch als wissbegieriger Schüler. Er nahm an archäologischen Forschungsarbeiten teil und nicht nur die Klassik hatte es ihm angetan. Auch mit der byzantinischen Architektur beschäftigte sich Hansen intensiv – und mit nachhaltiger Wirkung auf sein weiteres Schaffen.
Der vollendete Klassizismus
In Athen baute Hansen jedoch im wahrsten Sinne des Wortes Klassisches, Mustergültiges – an prominentester Stelle die Akademie der Wissenschaften, deren Bau 1886 abgeschlossen wurde. Zusammen mit dem Zappeion, das 1888 vollendet wurde und als Geburtsstätte der modernen Olympischen Spiele gilt sowie dem Parlament in Wien (1874-83) setzte Hansen mit der Akademie, allegorisch regiert von Apoll und Athene, dem europäischen Philhellenismus ein abschließendes, krönendes Denkmal.
1843 entließ der durch national-revolutionäre Kräfte unter Druck geratene König die prominenten Gastarbeiter aus ihren staatlichen Ämtern. Doch Theophil Hansen blieb. Noch drei Jahre arbeitete er, privat als Architekt hochgefragt, in Athen. Und selbst nachdem er 1846 nach Wien gezogen war, baute Hansen weiter am Land der Griechen.
Die neue künstlerische Heimat Wien
Mit der Übersiedlung nach Wien 1846, entwickelte sich Theophil Hansen jedoch – erst als Mitarbeiter Ludwig Försters, dann selbständig – zunächst zu einem Hauptvertreter der Spätromantik, wobei er einen neobyzantinischen Mischstil bevorzugte. So entwarf er gemeinsam mit seinen Kollegen das 1849-1856 erbaute Arsenal, die bedeutendste profane Baugruppe des Romantischen Historismus in Wien. Die Anlage wurde aus Anlass der Märzrevolution 1848 erbaut und war der erste Bau des neuen Festungsdreiecks, das die alte Stadtbefestigung ablöste.
Neorenaissance auf der Wiener Ringstrasse
Dies machte den Weg frei für die k&k-verfügte Schleifung des alten Burgringes und den groß angelegten Bau der Wiener Ringstrasse. Zu einer deren wichtigsten Architekten Theophil Hansen wurde. In seinen Anfängen noch eher auf den romantischen Stil ausgerichtet, wurde er mit seinen Bauwerken für die Ringstrasse nun zum herausragendsten Vertreter des an der Renaissance orientierten Strengen Historismus.
Stilreinheit im ästhetischen Dschungel
Der von Hansen so genannten "Wiener Stil", forderte dabei ein klassisch-strenges Formdiktat – die Gestaltung des architektonischen Gesamtkunstwerks bis in die kleinsten Details der Inneneinrichtung. Bevorzugt arbeitete er dabei zusammen mit dem Bildhauer Vincenz Pilz und dem Maler Carl Rahl. Auch in seiner Arbeit als Akademieprofessor in Wien betonte er Stildifferenzierung und -reinheit. Und er konnte mit seiner disziplinierten Sichtweise eine bedeutende Hörerschaft um sich sammeln. Auch Otto Wagner, Architekt der „Wienzeilenhäuser“ und des Postsparkassenamts, zählte zu seinen Mitarbeitern.
Kein reiner Formalismus
Das Hansen seine Bauten aber nicht nur unter formal-ästhetischen Kriterien entwarf, sondern auch Wert auf Funktionalität legte, dafür kann das von ihm erbaute Gebäude des Wiener Musikvereins Zeugnis ablegen. Es verfügt mit dem so genannten Goldenen Saal über einen der besten Konzertsäle der Welt, dessen viel bewunderte Akustik oftmals noch heute bei Konzertbauten nachgeahmt wird.
Verdienst und Würdigung
Doch gerade Hansens Bauten in der Ringstraßenzone, vor allem seine Palais, verkörpern mit ihrer wohl dosierten Prunkentfaltung den Höhepunkt des strengen Historismus in der Wiener Architektur. Sie prägten damit nachhaltig das Bewusstsein von der führenden Rolle Österreichs in der Baukunst.
Bereits 1863 würdigte die Stadt Wien sein noch lange nicht vollendetes Werk und ernannte ihn zum Ehrenbürger.
1884, ein Jahr nach Fertigstellung seines Parlamentsgebäudes, das im neo-attischen Stil auf die hellenischen Anfänge der Demokratie verweist, erlangte er die Erhebung in den Freiherrenstand.
Theophil Freiherr von Hansen verstarb am 17. Februar 1891 in Wien.
Chronologie der architektonischen Stationen:
1838-46 Bautätigkeiten und Studium der byzantinischen Baukunst in Athen
1846 Übersiedlung nach Wien als Assistent von Ludwig Förster
1849-56 Mitplanung des Arsenals im Südosten von Wien (3.Bezirk)
1856 Akademie der Wissenschaften, Athen
1856 Heeresgeschichtliches Museum im maurisch-byzantinischen Stil
1856-80 Schloss Hernstein, Niederösterreich
1858 Evangelische Kirche am Matzleinsdorfer Friedhof, Wien
1860-83 Rudolf-Hof (Hörlgasse 15, 1090 Wien)
1861 Evangelische Schulen am Karlsplatz 14, Wien
1861-62 Heinrichshof, Wien
1863 Ehrenbürger der Stadt Wien
1864-68 Palais Erzherzog Wilhelm (heute Sitz des OPEC-Funds), Wien,
1867-70 Musikverein, Wien
1868 Akademieprofessor
1868-72 Palais Epstein, Wien
1870-74 Schloss Rappoltenkirchen (Umbau), Sieghartskirchen, Niederösterreich
1871-73 Vereinshaus (Philharmonie), Brünn
1871-76 Akademie der Bildenden Künste, Wien
1872-73 Palais Ephrussi, Wien
1874-77 Börse Wien
1874-83 Reichsratsgebäude (Parlament), Wien
1874-88 Zappeion, Athen
1884 Erhebung in den Freiherrenstand