

Ein historischer und stilistischer Erklärungsversuch
Historismus ist ein Begriff der Kunstwissenschaft. Streng genommen bezeichnet er einfach nur das Wiederaufgreifen historischer Stile. Doch eine Zeit hat es geschafft, ihn durch ihre Neo-Manie als Epochenbegriff zu vereinnahmen: das 19. Jahrhundert.

Historismus als Epochenbegriff
Heute hat man erkannt, dass sich das Aufgreifen ästhetischer Formen aus längst vergangenen Tagen durch die gesamte abendländische Kunstgeschichte zieht. Und so wird das verdichtete Aufkommen dieser Praxis im 19.Jahrhundert auch nicht mehr als Ausdruck mangelnder Kreativität gesehen und in abwertendem Sinn als "Eklektizismus" bezeichnet. Die Epoche irgendwann zwischen Barock und Moderne heißt heute in der kunstwissenschaftlichen Terminologie schlicht Historismus. Wie alle Epochenbegriffe stellt Historismus dabei eine willkürliche, aber notwendige Hilfskonstruktion dar, die sich einer exakten Definition entzieht.
Historismus contra Klassizismus
Auf keine Fall jedoch zählt der Klassizismus zu den Ausprägungen des Historismus. Klassizistische Tendenzen, welche die Formensprache der griechischen und römischen Antike zum Ideal erheben, gibt es ohnehin seit dem Humanismus in ganz Europa. Doch anders als der Klassizismus, der für ein vom Rokoko übersättigtes Europa etwa ab 1770 stilbestimmend wird, verlangt der Historismus keine programmatische Nachahmung des historischen Stils. Es handelt sich viel eher um eine Neuinterpretation, auch der klassischen Antike. Diese Freiheit ist der eigentliche Unterschied zwischen Klassizismus und Antike. Nicht der Gegensatz der vorherrschenden Ideale im Klassizismus und während der ersten Phase des Historismus: Antike und Mittelalter.
Der Romantische Historismus
Zum Ende des 18.Jahrhunderts zeichnete sich eine langsame Ablösung vom Klassizismus in allen Kulturbereichen ab. Einen großen Einfluss übten dabei die Romantiker aus, die sich als Gegenpol der vorangegangenen Aufklärung begriffen. Nicht mehr Verstand, sondern Gefühl wurden groß geschrieben. Nicht eine streng geordnete Gesellschaft, sondern das subjektive Individuum wird verklärt. Nicht das von Menschenhand geschaffene, sondern die Natur.
Die streng geometrische und symmetrische Formensprache des Klassizismus löst sich in der bildenden Kunst in organischem Wohlgefallen auf. Zugleich schafft die Suche nach der individuellen Identität den Bezug zum nun idealisierten europäischen Mittelalter. Die bevorzugten Baustile sind Neogotik und Neorenaissance. Allerdings werden sie auch immer wieder mit „stilfremden“ Elementen aus nicht-westeuropäischen Kulturen (etwa maurisch oder byzantinisch) kombiniert.
Die neuen Aufgaben der Architektur
Nicht nur aus diesem Grund handelte es sich um keine einfache Nachahmung der historischen Stile, sondern um subjektive Interpretationen. Eine neue Zeit forderte auch ganz neue Gebäude. Zur Linderung der Wohnungsnot durch die fortschreitende Urbanisierung mussten mehrstöckige Zinshäuser errichtet werden. Das aufstrebende und zusehends wohlhabende Bürgertum andererseits verlangte nach Villen und großen Stadtwohnungen in repräsentativen Gebäuden. Die beginnende Industrielle Revolution erforderte den Bau von Bahnhöfen, Fabriken und Wassertürmen.
Ein bisschen von diesem, ein bisschen von jenem..
Nicht wenigen wurde dieses wilde Kombinieren von Stilen und Funktionen zuviel. Dies zeigt auch ein Spottgedicht gegen zwei prominente Architekten des Romantischen Historismus, die mit dem Bau der Wiener Hofoper die Zeitgenossen enttäuscht hatten: Sicardsburg und van der Nüll / Haben beide keinen Stüll / Gotisch, Griechisch, Renaissance / Das ist ihnen alles aans.
Der Strenge Historismus
Die Vertreter des Strengen Historismus postulierten gegen diesen Kombinierungswahn in der Folge die Schaffung des ganzheitlichen Kunstwerkes. „Reine Elemente“ des geschichtlichen Formvokabulars sollten kunsthistorisch korrekt kombiniert werden. Der Subjektivismus des romantischen Historismus ein objektiv richtiger und lehrbarer Stil entgegen gestellt. Der bevorzugte Stil ist die Neorenaissance, großstädtische Konzepte dominieren. In Wien strebt der Architekt Theophil Hansen nach Stilreinheit und arbeitet in Einheit mit den figuralen Künsten der florierenden Historienmalerei.
Der Späthistorismus
In einer dritten Phase des Historismus wird die Orientierung an die Renaissance durch den Neobarock abgelöst. Die Regelheftigkeit der vorhergehenden Phase macht einer freieren Interpretation der Dekorelemente Platz, die auch nicht mehr streng linear angeordnet werden. Auch der Späthistorismus forciert dabei das Gesamtkunstwerk und führt zu einer international anerkannten Blütezeit der österreichischen Kunst. Theaterbau, Festzüge und prunkvolle Innenausstattung dominieren. Ausladende Erker, Kuppeln und Balkone werden teilweise bis zur Monumentalität übersteigert. Die üppige Verwendung floraler Ornamentik weist gelegentlich sogar schon auf den Jugendstil. Zugleich etablieren sich der öffentliche Monumentalbau, die Verkehrs- und Industriearchitektur endgültig unter den wichtigen Aufgabenstellungen der Architektur.
Mit „Neo-“durch die abendländische Geschichte
Neogotik, Neorenaissance, Neobarock. Dazu kommen ab 1870 noch die Neoromanik und im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts der Neorokoko, als beliebter Stil für Inneneinrichtungen in Schlössern (Schönbrunn) und Bürgerhäusern. Zum Ende hin hat der Historismus somit die gesamte abendländische Baugeschichte der frühen Neuzeit repetiert.
Teilweise wurden die verschiedenen Baustile unterschiedlichen Funktionen zugewiesen: Kirchen wurden in Neogotik und -romanik gebaut. Adelspalais und staatliche Bauten vor allem im Neobarock, da das Zeitalter des Absolutismus den Höhepunkt weltlich-monarchischer Macht darstellte. Die Renaissance diente, da man sie als eine Blütezeit der Künste und des norditalienischen Handels ansah, als Vorbild für den Bau von Banken und Bürgerhäuser, Theater, Opernhäuser und Museen.
Historismus in Österreich
Der romantische Historismus setzt in Österreich in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts mit den klassizistisch geprägten Bauten I. Canevales ein. Malerei und Plastik folgen der Architektur leicht verzögert. Hauptaufgabe des Romantischen Historismus, der bis in den Beginn der Josephinischen Ära hineinreicht, war der oft mit dem Landschaftsgarten verbundene Schlossbau. Hauptvertreter in der Architektur sind A.Sicard von Sicardsburg und E.van der Nüll, die mit dem Opernhaus einen Höhepunkt setzen, der zugleich die Ringstraßenphase wesentlich beeinflusst. Für die Plastik des Romantischen Historismus stehen vor allem A.D.Fernkorn und H.Gasser. Während des Strengen Historismus und des Späthistorismus demonstrieren V.Tilgner, C.von Zumbusch, R.Weyr und C.Kundmann im Milieu der Wiener Ringstraße europäisches Niveau in der Plastik. T.Hansen und C.von Hasenauer (Parlament, Burgtheater in Wien) sowie das weit über Österreich hinaus wirkende Duo F.Fellner und H.Helmer zählen, ebenso wie O.Wagner zu den führenden Persönlichkeiten der Bauszene dieser Epoche. In der Malerei treten namentlich C.Rahl, A.Romako, der junge G.Klimt und die Freilichtmaler der Gruppe um E. J. Schindler hervor.
Wien, Hauptstadt des Historismus
Der Historismus ist nach wie vor der dominierende Stil in Wien, wo nach diesem Muster ganze Stadtviertel gebaut wurden. Außerhalb von Wien gibt es nur in Graz und Linz grössere vom Historismus geprägte Stadtviertel. Den Höhepunkt der Bautätigkeit stellt dabei der Bau der Ringstraße, der in den 1860er-Jahren begonnen wurde, dar. Die Ausstrahlungskraft der Ringstraßenkunst erfasste die ganze Monarchie und wirkte auch weiter auf den Jugendstil, der zugleich den Ausklang des Historismus und einen Aufbruch in die Moderne bedeutete.
Sozusagen als „Reichsstil“ lebte der Historismus in der Donaumonarchie jedoch bis 1914 weiter.
„Neohistorismus“
Der Historismus kam mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Machtverlust der bis dahin stilbildenden Schichten des Adels und Großbürgertums zu einem abrupten Ende. Ab den zwanziger Jahren des 20.Jahrhunderts dominierten zusehends weniger komplexe Baustile, die dem Geschmack breiterer Schichten entsprachen. Neben dem völlig neuen Stilempfinden kommt es jedoch wiederum zu historizierenden Strömungen. Den bekanntesten und dabei umstrittensten Stil des Neohistorismus stellt der Neoklassizismus dar. Nur noch eine Karikatur der Visionen, welche die Künstler des 19.Jahrhunderts verfolgten. Diese bemühten sich nämlich um eine gesteigerte Lebensqualität durch ein ästhetisches Umfeld für die ganze Bürgerschaft, nicht um die Massenmobilisierung. Es ging um die Demonstration von Stilempfinden und Geist, nicht von Macht. Nicht um die Isolation des Individuums im weiten Raum, sondern seine repräsentative Darstellung.