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Die Ringstrasse - Geschichte
Ein Prachtboulevard für die Residenzstadt

Der Bau der Ringstraße in Wien im Zuge der Stadterweiterungspläne

Wien besitzt wohl die einzige Straße der Welt, die einem eigenen Baustil ihren Namen gegeben hat: dem Ringstraßenstil. Ein Spaziergang über den Prachtboulevard um den 1.Bezirk ist sowohl Blick auf ein Gesamtkunstwerk wie Reise durch die abendländische Baugeschichte.

Vorgeschichte

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war der 1.Bezirk Wiens wie eine eigene Stadt. Mehr noch: eine Trutzburg, isoliert von den längst eingemeindeten äußeren Bezirken durch Wehranlagen, Stadtgraben und Glacis. Bereits seit dem 13. Jahrhundert wurde dieses alte Wien durch eine Stadtmauer geschützt. Während der Türkenbelagerungen 1529 und 1683 wurde die Wehranlage verstärkt und durch einen rund 500 Meter breiter Glacisstreifen ergänzt. Und die Geschichte zeigt, dass dieser Ausbau erfolgreich war. Doch gegen Ende des 18.Jahrhunderts hatte die Stadtbefestigung bereits ihren Sinn verloren. Als 1850 die Vorstädte eingemeindet wurden, begannen die Basteien schließlich, nun mitten in Wien, ein Verkehrshindernis darzustellen. Nur das inzwischen begrünte Glacis wurde als Erholungsraum allseits geschätzt.

Der Kaiser verfügt die Schleifung der Stadtmauer

Am 25. Dezember 1857 überraschte die amtliche "Wiener Zeitung" die Bevölkerung mit den Stadterweiterungsplänen Kaiser Franz Josefs anlässlich der Verschönerung seiner Residenzstadt: Die Schleifung der Stadtmauer und –tore. Gleichzeitig verfügte der Kaiser auch die Anlage eines Boulevards an Stelle des so gewonnenen Rings, inklusive des Glacis. Mit demselben Erlass erklärte der Kaiser auch seine Wünsche für die genaue Größe und Verwendung des neu gewonnenen Areals, sowie die Ausrichtung eines Planungswettbewerbs. Also schrieb man einen Wettbewerb aus, worauf unzählige Entwürfe einlangten. Einer der nicht verwirklichten Vorschläge wurde sogar 130 Jahre später realisiert: ein rings um die Innenstadt führender Riesentunnel beherbergt heute die U-Bahn.

Die Planungen in staatlicher Hand

Nach Kompetenzstreitigkeiten zwischen Regierung und Stadtgemeinde wurde der von der Regierung verwaltete Stadterweiterungsfonds geschaffen. Nur das Rathaus wurde von der Stadt geplant. Weil die Stadt bei dieser groß angelegten Immobilienoperation leer ausging, trat sie umso vehementer für die teilweise Erhaltung der vorhandenen Erholungsräume ein. Bis zur Gegenwart existieren mit Stadtpark, Wiener Rathauspark, Volksgarten und Burggarten im Verlauf der Ringstraße vergleichsweise große Grünflächen.

Ein dem Kaiserreich würdiges Mammutprojekt

Den Burggarten, das Burgtor sowie den Volksgarten samt Theseus-Tempel gab es schon und die Votivkirche befand sich bereits seit dem Attentatsversuch auf den jungen Kaiser 1853 in Bau.

Am 15. Dezember 1858 veröffentlichte dieser seine neue Direktive für die staatlichen Bauvorhaben:

Unter anderem die Hofbibliothek, die neue Oper, das Schauspielhaus sowie ein Naturhistorisches und Kunsthistorisches Museum. Für den Universitätsbau wurde ein Platz in der Nähe der Votivkirche festgesetzt. Da die Anlage der Ringstraße auch auf die militärische Strategie Rücksicht zu nehmen habe, wurden am Donaukanal zwei festungsgleiche Kasernenanlagen verfügt.

Die Finanzierung

Der Kaiser verordnete, dass die entstehenden öffentlichen Prachtbauten nicht vom Staat, sondern durch den Verkauf der übrigen Grundstücke an Private finanziert werden sollte. Der Grundstückspreis musste damit immens überteuert angesetzt werden. Bis zu 775 Gulden pro Quadratklafter verlangte die Regierung von den zukünftigen Anrainern. Und natürlich musste die Ausgestaltung der Gebäude dem exklusiven Standort würdig sein…und man musste sich verpflichten, einen vollständigen Prachtbau in spätestens vier Jahren zu vollenden. Kein Wunder, dass sich selbst die Reichsten und Großzügigsten nicht gerade darum rissen, diese Herkulesarbeit zu vollbringen.

Die Finanziers

Ab 1859 winkte deshalb eine neue Bauordnung mit Vergünstigungen, unter anderem eine 30-jährige Steuerfreiheit und manchmal sogar ein Adelstitel. Nun fühlte sich das vermögende Bürgertum fast schon verpflichtet, nicht zuletzt der Gnade des Monarchen zuliebe, an den Ufern der Ringstraße zu bauen. Mehr als ein Viertel dieser privaten Käufer von Ringstraßenparzellen waren Bankiers oder Großhändler, die meisten von ihnen Juden. Die jüdischen Bürger der k.u.k.-Doppelmonarchie wurden 1867 endlich gesetzlich gleichgestellt. Die damit garantierte Freizügigkeit löste eine jüdische Einwandererwelle aus den Kronländern in die Hauptstadt aus, denn dort wurden dringend Arbeitskräfte und viel neues Kapital gebraucht. Und der Besitz eines möglichst prächtigen Hauses an der Ringstraße bedeutete für diese neuen Mitbürger auch die Eingliederung in die Wiener Gesellschaft.

Die Prachtbauten der Ringstraße

Entlang der gesamten Ringstraße wurden in den kommenden Jahren zahlreiche sowohl öffentliche wie auch private Bauten errichtet. Adelige und wohlhabende Privatleute bauten sich ihre repräsentativen so genannten Ringstraßenpalais. Eines der ersten Gebäude war der Heinrichshof des Ziegelfabrikanten Heinrich von Drasche-Wartinberg, der bis 1954 gegenüber der Wiener Oper stand.

Bemerkenswert unter den staatlichen Bauwerken sind vor allen die Neue Hofoper (nun Staatsoper) im Stil der Neorenaissance von August Sicard von Sicardsburg und Eduard van der Nüll, das Parlamentsgebäude in einem neo-attischen Stil und das Palais Epstein von Theophil von Hansen, das Rathaus im Stil der Flämischen Gotik von Friedrich von Schmidt, das Burgtheater von Karl von Hasenauer sowie das neue Universitätsgebäude.

Ein quer zur Ringstraße angeordnetes Kaiserforum als monumentaler Anbau zur Hofburg wurde nicht vollständig realisiert. Aus finanzieller Not und wegen der Wirren des 1.Weltkrieges wurden nur die Neue Hofburg, die heute das Museum für Völkerkunde und die Österreichische Nationalbibliothek beherbergt, Helden- und Maria-Theresien-Platz sowie Kunst- und das Naturhistorische Museum fertig gestellt.

Die Bauphasen der Ringstraße

1862 wurde der Stadtpark eröffnet. 1863 erfolgte die Grundsteinlegung der Oper. Der Baubeginn der Ringstraße wird auf den 29. Februar 1864 datiert. In der Presse sowie in der Bevölkerung war der Ringstraßenbau fortan ein viel besprochenes Thema. Johann Strauß widmete ihm sogar eines seiner Werke: "Die Demolierpolka". Trotz dreier Kriege war die Ringstraße in nur sieben Jahren vollendet. Die Baukosten bis zur Eröffnung betrugen 1.294.000 fl, wobei alleine für die Bepflanzung 80.000 fl ausgegeben wurden. Auch die meisten der privaten Gebäude entstanden vor 1870. Mit dem Großteil der Prunkbauten wie Parlament, Universität, Burgtheater, PSK, Regierungsgebäude und Neuer Hofburg begann man jedoch erst Jahre nach der Ringstraßeneröffnung. Die größte Katastrophe während der Bauzeit war der Brand des Ringtheaters 1881, der mehrere hundert Todesopfer forderte. Der Abschluss der Bautätigkeit am Ring wurde erst 1913 mit der Fertigstellung des Kriegsministeriums erreicht, als der Ringstraßenstil schon ein wenig unmodern geworden war.

Verlauf der Ringstrasse

Die Ringstraße gliedert sich in heute in Stubenring, Parkring, Schubertring, Kärntner Ring, Opernring, Burgring, Dr.-Karl-Renner-Ring, Dr.-Karl-Lueger-Ring und Schottenring. Gelegentlich wird auch der Franz-Josefs-Kai zur Ringstraße dazugezählt, womit die Gesamtlänge der annährend kreisförmigen Straße etwa 5,2 km beträgt. Und laut eines Zitates von Sigmund Freud sei ein Spaziergang über diese Distanz, „einmal um die Ringstrasse“, die beste Therapie.

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